Ihr Schrott ist unser Job

DAS INTERVIEW MIT SABRINA LAUBE

IT-Support bei Bourquin SA und Geschäftsführerin bei FBM GmbH

«Ich bin eine Quereinsteigerin und komme ursprünglich aus der IT-Branche. Durch meine bisherige Arbeiten in der Industrie und als Teamleiterin kann ich das BackOffice abdecken und die administrativen Arbeiten übernehmen.» Dieses Statement steht auf der Internetseite www.fbm-gmbh.ch unter «über uns». Freaktal Boxen und Metalle GmbH bietet einen Entsorgungs- und Beratungsdienst rund um Entsorgung und Recycling. Sabrina Laube und Ihr Ehemann Marco betreiben seit 2018 dieses Altstoffhandelsunternehmen im Fricktal. Unter der Woche, von Montag bis Mittwoch, ist Sabrina Laube eine wertvolle Stütze im IT-Support von Bourquin SA.

EnVogue: Mit welchem Ziel wurde Euer Unternehmen gegründet ? Hatte Euer Slogan «Ihr Schrott ist unser Job» eine besondere Bedeutung beim Schritt in die Selbstständigkeit?

Sabrina Laube: Wir haben das Unternehmen mit dem Gedanken gegründet, Fraktionen nicht nur als Abfall, sondern als Sekundärrohstoff anzuschauen, die zurück in den Wirtschaftskreislauf gebracht werden müssen. Parallel dazu wollen wir mit unserem Angebot näher beim Kunden sein und mit ihm zusammen eine Lösung finden. Unser Kerngeschäft ist der Metallhandel und der Handel mit Sekundärrohstoffen – umgangssprachlich: der Schrott. Da wir mit dem Kunden zusammen arbeiten wollen, ist SEIN Abfall UNSER Job. Ausserdem liegt der Slogan gut auf der Zunge und macht Aussenstehende neugierig.

EnVogue: Können Sie vielleicht kurz erklären, was mit unserem Abfall passiert, nachdem wir ihn weggeworfen haben ? Warum wird der Abfall getrennt?

SL: Der erste und auch wichtigste Schritt, nachdem der Abfall beim Kunden weggeht, ist die Sortierung. Je sortenreiner die Fraktion ist, je qualitativer ist der sekundäre Rohstoff. Je besser die Qualität, desto besser kann der Rohstoff verwendet werden. Die an uns übergebenen Güter werden von Hand aussortiert, was uns bei unseren Abnehmern einen guten Ruf eingebracht hat. Und Letztere wissen, dass wir sauber sortenreines Material liefern.

EnVogue: Wieviel Prozent des gesammelten Abfalls kann wiederverwertet werden? Gibt es da von Ihrem Unternehmen Erfahrungswerte ?

SL: Geschätzt gehen in unserem Unternehmen weniger als 5% in die thermische Verwertung. Das kommt aber vor allem daher, dass unsere Hauptfraktionen Eisen- und Nichteisenmetalle sowie E-Schrott, Papier und Karton ausmachen, und wir den üblichen Hauskehricht nicht annehmen.

EnVogue: Warum ist Recycling für die Schweiz so wichtig ?

SL: Die Rohstoffe werden immer knapper, und müssen mit immer mehr Aufwand und unter teilweise widrigsten Umständen (zum Beispiel die Rohstoffgewinnung für Lithium- Batterien) gewonnen werden. Dazu kommen die enormen Umweltbelastungen durch eben diese Gewinnung und die langen Transportwege, da die Schweiz selbst kaum natürliche Rohstoffaufkommen wie Metalle, Erdöl usw. hat. Das Recycling ist also nicht nur finanziell sinnvoll, sondern auch umwelttechnisch von grosser Bedeutung. Die Schweiz hatte 2016 eine Recyclingquote von 52% im ganzen und im Teilbereich Getränkeverpackungen rund 75% erreicht. Damit gehören wir im europäischen Vergleich zu den Spitzenreitern.

Wir möchten diese Position nutzen, um dem Schweizer Volk Danke zu sagen. Es kann nämlich nur dann möglichst viel recycelt werden, wenn jeder Verbraucher bei sich zuhause vorsortiert und nicht einfach alles in die Mülltonne (und somit auf direktem Weg in die Verbrennung) wirft.

EnVogue: Gerade im Abfall- und Recyclingbereich gibt es ja enorme technische Entwicklungen. Wie sehen Sie die Zukunft? Müssen wir bald gar nicht mehr Abfall trennen?

SL: Es stimmt, die Branche macht enorme Fortschritte und findet immer neue Möglichkeiten. Beispielsweise können mittlerweile verschiedene Kunststoffarten automatisiert voneinander sortiert werden. Die Sortierung wird allerdings weiter bestehen; es ist möglich das sich diese vom Kunden weg in Richtung Recyclingunternehmen verschiebt. Leider kommen aber auch immer mehr Artikel mit Verbundstoffen wie Getränkekartons auf, welche durch die Vermischung von Sekundärrohstoffen die Rückführung in den Recyclingkreislauf erschweren. Dementsprechend muss zum Beispiel für den Fall Getränkekartons eine Speziallösung gefunden werden. In der Schweiz gibt es für diesen Spezialfall mittlerweile eine Lösung, aber Spezialfälle gibt es noch viele andere.

EnVogue: Was ist das Besondere an Freaktal Boxen und Metalle GmbH? Was unterscheidet Ihr Unternehmen von anderen Altstoffhändlern?

SL: Es wäre einfach, schwierige Fraktionen billig und schnell zu entsorgen. Es kann aber nicht die Lösung sein, dass der Abfall auf einem Haufen im Ausland landet, wo er angezündet wird, nur weil wir es dort nicht sehen – nach dem Motto «Aus den Augen, aus dem Sinn». Genau dieses Denken wollen wir auch unseren Kunden vermitteln. Ja, die Entsorgung kostet und ist vor allem bei schwierigeren Fraktionen wie Autopneus, behandeltem Holz, Asbest usw. sehr schnell sehr teuer. Aber wir tragen eine gewisse Verantwortung den späteren Generationen gegenüber. Auf der anderen Seite möchten wir unseren Kunden zeigen, wie sie durch die Trennung der Rohstoffe finanzielle Einsparungen erwirtschaften oder bei hochwertigen Metallen gar eine Rückvergütung erhalten können.

EnVogue: Was passiert mit dem Schrott, der nicht weiterverwertet werden kann? Kommt dies überhaupt vor?

SL: Ja, leider. Es gibt immer noch Fraktionen, die finanziell oder ökologisch nicht nachhaltig wiederaufbereitet werden können. Darüber hinaus gibt es gesetzliche Vorgaben, welche vorschreiben, dass bestimmten Fraktionen in die thermische Verwertung (z.B. Medikamente) oder auf die Deponie (z.B. Asbest) müssen. Eine Deponie ist jedoch kein Endlager; sollte es in Zukunft eine Möglichkeit geben, die Fraktion aufzubereiten, so kann diese aus der Deponie geholt werden.

EnVogue: Mit Zunahme der E-Mobilität entstehen neue Entsorgungsthematiken. Wo sehen Sie hier die Problematik mit Elektro-Schrott bzw. LithiumIonen-Batterien ?

SL: LithiumIonen-Batterien haben die höchste Speicherdichte, benötigen demzufolge weniger Platz und sind dadurch vor allem in der E-Mobilität sehr gefragt. Aber LI-Batterien sind sehr anfällig und fangen schnell an zu brennen. Eine brennende LI-Batterie ist eigentlich nur mit Sauerstoffentzug löschbar, und somit bleibt in den meisten Fällen nichts anderes übrig, als es «auszustehen» – wie man so schön sagt – und dafür zu sorgen, dass das Feuer nicht weiter um sich greift. In kleinen Massstäben wie bei uns im Betrieb, können LI-Batterien in einem Stahlfass mit Vermiculite (oder im Notfall mit Sand) sicher eingelagert werden.

EnVogue: Nun eine Frage an Ihren Ehemann, an Marco Laube: Sie sind ja beide Gründer und Geschäftsinhaber Ihrer Firma. Wie kam es zu Ihrer Faszination für das Thema Recycling ?

Marco Laube: Als ich vor Jahren einen neuen Job als LKW-Fahrer suchte, bin ich zufällig in diese Branche geraten. Anschliessend hatte ich die Möglichkeit, bei mehreren Arbeitgebern hineinzuschauen. Das Thema rund um das Recycling ist sehr interessant. Die Branche ist stetig im Wandel, da die vorhandenen Ressourcen und der Umweltschutz immer wichtiger werden. Schliesslich bin ich zur Entscheidung gekommen, den Weg in die Selbstständigkeit anzupacken.

EnVogue: Haben Sie ein aktuelles Projekt, welches Sie an dieser Stelle gerne erwähnen möchten ?

ML: Da wir als Unternehmen noch sehr jung sind, sind der Ausbau der Firma, eine höhere Kapazität und der Aufbau der Umschlagsmenge neben der Festigung auf dem Markt für uns momentan das wichtigste Projekt.

EnVogue: Zu guter Letzt, Sabrina: Wie schaffen Sie den berühmten «Spagat» zwischen dem IT-Job und Ihrer Recyclingfirma ? Ist die Tätigkeit von Montag bis Mittwoch bei Bourquin die Inspiration für Donnerstag bis Samstag im Fricktal ?

SL: Ich trenne die beiden Bereiche so gut ich kann. Auch rituell sind sie komplett getrennt: Hier bei Bourquin trage ich meine Bürokleidung, im Fricktal sind es Arbeitshosen und -schuhe. Zuhause im Badezimmer stehen zwei Stühle, einer für die Bourquin-Kleidung, einer für die FBM-Kleidung. Auch im Kleiderschrank sind getrennte Bereiche vorhanden. Ich bin froh, dass ich seit gut zehn Jahren bei Bourquin tätig bin und sozusagen in einem Industriebetrieb meine berufliche Erfahrung sammeln konnte. Dies vereinfachte mir den Einstig in dieses relativ raue Gewerbe. Die IT und der Job in der technischen Informatik (nach dem Motto: Finde den Fehler und finde eine Lösung dazu…) hat mich gelehrt,  zwischendurch auch einfach auszuprobieren, wenn eine Lösung oder ein Weg gesucht wird.